Aktuell sind es drei Faktoren, die die Wall Street dominieren. Erstens die Hoffnung auf weitere Zinssenkungen durch die Fed. Zweitens Fomo und drittens die Saisonalität. Die Terminmärkte signalisieren aktuell eine Wahrscheinlichkeit von rund 80 Prozent dafür, dass die Leitzinsen in den USA bis zum Jahresende auf 3,5 bis 3,75 Prozent sinken werden. Das würde noch zwei Zinssenkungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte bedeuten. Hier besteht Enttäuschungspotenzial.
Außerdem sorgen sich viele Anleger, die derzeitige Rally zu verpassen: Fear of Missing Out, kurz Fomo, wird dieser Umstand auf Englisch genannt. Hierzulande heißt es: „Die Hausse nährt die Hausse“. Schließlich spricht die Saisonalität für eine Jahresendrally in den USA. Das vierte Quartal verzeichnet historisch betrachtet die höchsten Kursgewinne eines Dreimonatszeitraums.
Generell neigen Börsianer eher zum Optimismus. Dabei verdrängen sie offensichtliche Risiken, die es derzeit gibt. Infolge des Shutdowns hat die US-Regierung 750.000 Staatsbedienstete in den unbezahlten Urlaub geschickt. Nicht alle von ihnen werden an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Gleichzeitig haben 150.000 beim Staat angestellte Personen ihren Job verloren. Dabei handelt es sich noch um eine Folge der Stellenstreichungen von Elon Musk.
Gleichzeitig sind im September laut Schätzungen der Private-Equity-Gesellschaft Carlyle nur 17.000 Stellen außerhalb der Landwirtschaft entstanden. Die von Bloomberg regelmäßig befragten Volkswirte hatten hingegen mit 52.000 neuen Jobs gerechnet. Der sich abschwächende Arbeitsmarkt lässt Börsianer auf weitere Zinssenkungen hoffen.
Inflationsrisiken unterschätzt
Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Fed die Inflation nicht im Griff hat und sie sogar weiter steigt. Die Abwertung des Dollars und die Strafzölle verteuern importierte Güter. Da das Gros der Strafzölle jedoch erst im August eingeführt wurde, haben sie ihre volle Wirkung noch nicht entfaltet.
Außerdem hat die Regierung unter US-Präsident Donald Trump im großen Stil illegale Migranten abgeschoben, die überwiegend in Niedriglohnsegmenten wie der Landwirtschaft oder als Haushaltshilfen gearbeitet haben. Dadurch entsteht Lohninflation. Die Fed könnte also schon bald vor der Qual der Wahl stehen, entweder den schwachen Arbeitsmarkt zu unterstützen oder die Inflation im Zaum zu halten. Der Ausgang ist ungewiss.
Konsum geht die Luft aus
Parallel dazu könnte die Stimmung der Verbraucher kippen. Wenn die Menschen sich um ihren Arbeitsplatz sorgen oder diesen sogar schon verloren haben, sitzt das Geld beim Shoppen nicht mehr so locker. Erschwerend kommt hinzu, dass Trump die Zuschüsse für Geringverdiener zur Krankenversicherung gekürzt hat. Nach Expertenschätzungen könnten zehn bis 18 Millionen Amerikaner davon betroffen sein. Das dürfte die Verbraucher zusätzlich belasten. Bereits im zweiten Quartal, also noch vor Einführung der meisten Strafzölle, ist der Konsum in den USA nur noch um 1,4 Prozent gewachsen.
Die größten Risiken für die Wall Street gehen jedoch wahrscheinlich von den Unternehmen aus. Bislang hält fast ausschließlich der Hype um Künstliche Intelligenz (KI) die US-Wirtschaft am Laufen. Die großen Hyperscaler werden in diesem Jahr voraussichtlich gemeinsam 400 Milliarden Dollar in Rechenzentren und KI-Infrastruktur investieren. Trump hat den KI-Hype mit dem „One Big Beautiful Bill Act” zusätzlich angeheizt, da es hohe Abschreibungen auf die entsprechenden Investitionen ermöglicht.
In anderen Branchen sind die Investitionen hingegen zurückgegangen. Ohne die gigantischen Ausgaben der großen Tech-Unternehmen würde sich die US-Wirtschaft wahrscheinlich schon heute in einer Rezession befinden.
Allerdings wachsen die Zweifel, ob sich die KI-Investitionen tatsächlich rechnen. So hat sich beispielsweise Meta vor Kurzem 29 Milliarden Dollar von privaten Kreditgebern wie der Allianz-Tochter Pimco oder Blue Owl Capital besorgt, um ein riesiges Rechenzentrum zu bauen. Dafür muss Meta allerdings mehr als acht Prozent Zinsen pro Jahr zahlen. Davor bekam das Unternehmen Kredite noch zu einem Zinssatz von 5,8 Prozent gewährt. Dies kann durchaus als Misstrauensvotum der Kreditgeber gewertet werden.
Unternehmensgewinne sinken
Ein dominierender Einflussfaktor auf die Aktienkurse sind die Gewinne der Unternehmen. Zwar haben die meisten von ihnen zuletzt pro Aktie mehr verdient. Dies ist jedoch maßgeblich auf umfangreiche Aktienrückkäufe zurückzuführen. Absolut betrachtet sind die summierten Unternehmensgewinne im ersten Quartal 2025 gegenüber dem Schlussquartal 2024 um 331 Milliarden Dollar auf 2,64 Billionen Dollar zurückgegangen. Das entspricht einem Minus von elf Prozent. Im zweiten Quartal stagnierten sie, so das Bureau of Economic Analysis. Was im dritten Quartal herauskam, wird man in den nächsten Wochen erfahren. Die Berichtssaison läuft gerade erst an.
Sollte sich der Trend in den absoluten Unternehmensgewinnen fortsetzen, kann das die Börse angesichts der gestiegenen Bewertungen nicht weiter ignorieren.
