Mit dem rasanten Anstieg des Silberpreises hat auch die Wahrscheinlichkeit einer Korrektur spürbar zugenommen. Sollte es dazu kommen, könnte sich ein Einstieg zu deutlich tieferen Kursen wieder lohnen. Zwar handelt es sich bei Silber im Gegensatz zu Gold auch um ein Industriemetall.

Für den kometenhaften Preisanstieg in den vergangenen Monaten ist jedoch vor allem eine spekulative Nachfrage verantwortlich. Offensichtlich haben Anleger Angst, etwas zu verpassen (FOMO), und springen noch auf den rasenden Zug auf.

Ein Großteil der optimistischen Prognosen für Silber basiert auf der Erwartung einer steigenden industriellen Nachfrage. Vor allem in den Bereichen Photovoltaik (PV), Elektrofahrzeuge und Rechenzentren wird das Edelmetall benötigt. Tatsächlich war der industrielle Verbrauch in den vergangenen zehn Jahren der Hauptfaktor für das Wachstum der Silbernachfrage. Sein Anteil an der Gesamtnachfrage ist auf fast 60 Prozent gestiegen. PV-Anlagen machten in diesem Zeitraum mehr als die Hälfte des Anstiegs des industriellen Verbrauchs aus und spielen damit eine Schlüsselrolle.

Die industrielle Nachfrage hat sich jedoch in letzter Zeit abgeschwächt – nicht zuletzt aufgrund des stark gestiegenen Preises. Die schwächere industrielle Nachfrage hat im vergangenen Jahr zu einem Rückgang des gesamten Silberverbrauchs geführt. Denn auch andere Sektoren – allen voran die Schmuckhersteller – fragten 2025 weniger Silber nach. Unterm Strich sank die weltweite Nachfrage im vergangenen Jahr auf 1,116 Milliarden Unzen. Im Jahr 2024 hatte sie noch bei 1,160 Milliarden Unzen gelegen. Insgesamt ist die Nachfrage somit um fast vier Prozent gesunken. Das stärkste Minus mit 16 Prozent verzeichnete der industrielle Sektor.

Weniger Bedarf im Solarbereich

Interessanterweise ist der Silberverbrauch im Bereich der Photovoltaik zurückgegangen, obwohl die Zahl der neu installierten Solaranlagen im vergangenen Jahr gestiegen ist. Denn durch technologische Innovationen hat sich der Silberbedarf pro Solarmodul spürbar verringert. So kündigte der viertgrößte Hersteller von Solarzellen, Longi, kürzlich an, künftig anstelle von Silber unedle Metalle in seinen Solarzellen zu verwenden. Bereits zuvor gab es ähnliche Verlautbarungen anderer chinesischer PV-Hersteller wie Jinko Solar und Shanghai Aiko Solar.

Nun ist die Zahl der neu installierten Solaranlagen seit Mitte 2025 im Jahresvergleich sogar rückläufig. Dazu hat Peking auch noch beschlossen, die Rückerstattung der Mehrwertsteuer bei PV-Produkten ab April auslaufen zu lassen. Das dürfte zusätzlichen Gegenwind für diesen Sektor bedeuten.

Zwar sorgen der KI-bedingte Ausbau von Rechenzentren und die Umstellung auf Elektrofahrzeuge für einen steigenden Bedarf der Industrie für das Edelmetall, aber auch hier dürfte es zu weiteren Substitutionen durch andere Stoffe kommen. Der Rückgang im PV-Sektor kann so wahrscheinlich nicht ausgeglichen werden. Das dürfte sich am Ende in der Preisentwicklung widerspiegeln.

Erklärungsversuche stimmen so nicht

Häufig wird die Geldentwertung als Treiber für Edelmetalle im Allgemeinen und für Silber im Besonderen angeführt. Doch die Inflation ist in den USA und in Europa in den vergangenen Monaten eher gesunken als gestiegen. Das Argument einer steigenden Teuerung greift derzeit nicht.

Auch die seit dem 1. Januar in Kraft getretene chinesische Exportkontrolle für Silber wird gerne als Faktor genannt, der den Markt für das weiße Metall weiter verknappen wird. Im Wesentlichen gibt es jedoch keine Änderung in der chinesischen Silber-Exportpolitik. Die Anforderung, dass Exporteure Lizenzen für den Transport des Metalls ins Ausland einholen müssen, ist vielmehr eine Fortführung der bisherigen Praxis.

Richtig ist hingegen, dass die Möglichkeit von US-Importzöllen auf Silber im vergangenen Jahr zu Verwerfungen bei den Preisen sowie den grenzüberschreitenden Metallströmen geführt hat. Dies hat im Vorfeld möglicher Abgaben zu einer massiven Aufstockung der US-Lagerbestände und zur Erschöpfung der Vorräte in den übrigen Teilen der Welt geführt.

Doch das allein kann den kometenhaften Anstieg des Silberpreises kaum erklären. Zudem hat US-Präsident Donald Trump kürzlich entschieden, die Einführung von Zöllen auf kritische Mineralien auszusetzen. Dadurch hat sich auch das Risiko einer bevorstehenden Zollbelastung für amerikanische Silberimporte verringert.

Für den Preisanstieg von Silber im vergangenen Jahr war eine deutlich höhere spekulative Nachfrage erforderlich. So sind die Google-Suchen nach dem Edelmetall regelrecht durch die Decke gegangen. Eine solche FOMO-Rally kann kurzfristig noch weitergehen, sie kann jedoch auch so schnell wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Denn Silber ist derzeit extrem überkauft. Für einen Einstieg sollten Anleger auf den Faktor Zeit setzen.

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